Dual Mode Lokomotive verbindet Diesel und Strom im Güterverkehr

von Bastian Velonavy - 2024-02-13

Der Schienenverkehr steht unter wachsendem Druck, effizienter, flexibler und zugleich wirtschaftlicher zu werden. Gerade im Güterverkehr treffen dabei unterschiedliche Realitäten aufeinander: elektrifizierte Hauptstrecken einerseits, nicht elektrifizierte Anschlussgleise, Terminals und Nebenstrecken andererseits.

Genau an dieser Schnittstelle setzt ein neues Lokomotivkonzept an, das zwei bislang getrennte Welten zusammenführt. Die Dual Mode Lokomotive ist darauf ausgelegt, sowohl unter Oberleitung als auch unabhängig davon zu fahren – ohne den Betreiber vor grundlegend neue Systementscheidungen zu stellen.

Dual Mode als technisches Grundprinzip

Der Begriff Dual Mode beschreibt eine Lokomotive, die in zwei Betriebsarten eingesetzt werden kann. Technisch basiert das Konzept auf einer klassischen Dieselplattform, die um einen vollwertigen elektrischen Antrieb ergänzt wurde. Unter Fahrdraht kann die Lokomotive rein elektrisch betrieben werden, auf nicht elektrifizierten Strecken wechselt sie in den Dieselmodus. Beide Betriebsarten stehen mit gleicher Traktionsleistung zur Verfügung, ohne dass der Fahrer Einschränkungen im täglichen Einsatz hinnehmen muss. Die Konstruktion geht dabei nicht von einem vollständigen Neuentwurf aus, sondern nutzt eine bewährte Plattform als Basis. Durch den zusätzlichen Stromabnehmer und die entsprechende Leistungselektronik entsteht ein hybrides System, das sich nahtlos in bestehende Betriebsabläufe integrieren lässt.

Siemens Vectron Dual Mode Lokomotive

Vectron Diesel als Ausgangspunkt

Als technisches Fundament dient eine etablierte Diesel-Lokomotive aus der Vectron-Familie. Diese Basis bringt den Vorteil mit sich, dass Wartung, Bedienung und Ersatzteilversorgung bereits bekannt sind. Der Dual Mode Ansatz ergänzt diese Plattform um die Fähigkeit, Energie aus der Oberleitung zu beziehen. Damit wird aus einer reinen Diesel-Lok ein vielseitiges Fahrzeug für gemischte Netze. Für Betreiber bedeutet das, dass sie keine neue Fahrzeugphilosophie einführen müssen. Schulungsaufwand, Instandhaltungskonzepte und Betriebsprozesse bleiben weitgehend vergleichbar, während sich der Einsatzbereich deutlich erweitert.

Siemens Vectron Dual Mode Lok transport logistic München
Siemens Vectron Dual Mode Lokomotive Interview Messe München transport logistic

Wirtschaftlichkeit über den Lebenszyklus

Ein zentrales Argument für das Dual Mode Konzept von Siemens liegt in den Lebenszykluskosten. Der elektrische Betrieb ist im Vergleich zum Dieselbetrieb deutlich günstiger, sowohl bei den Energiekosten als auch beim Wartungsaufwand. Wo immer eine Oberleitung verfügbar ist, kann die Lokomotive diesen Vorteil nutzen. Auf Strecken ohne Fahrdraht bleibt die volle Einsatzfähigkeit erhalten. Der Mehrpreis gegenüber einer klassischen Diesel-Lok liegt in einem moderaten Bereich. Entscheidend ist jedoch, dass sich diese Investition über die Betriebsjahre amortisieren kann. Je höher der Anteil elektrifizierter Strecken im Einsatzprofil, desto schneller rechnet sich das Konzept. Gleichzeitig bleibt die Lok flexibel genug, um auch dort eingesetzt zu werden, wo Elektrifizierung bislang fehlt.

  • Kostenvorteile durch elektrischen Betrieb unter Oberleitung
  • Reduzierter Wartungsaufwand im Vergleich zum reinen Dieselbetrieb
  • Keine Abhängigkeit von durchgehender Elektrifizierung
  • Amortisation des Mehrpreises über den Lebenszyklus

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Siemens Vectron Dual Mode Lokomotive Eingang

Mehr Flexibilität im täglichen Betrieb

Im operativen Alltag bringt die Dual Mode Lokomotive vor allem eines: Flexibilität. Rangierfahrten in Terminals, Zustellungen auf Industriegleisen oder der Einsatz auf Nebenstrecken lassen sich ohne Lokwechsel durchführen. Gleichzeitig kann auf Hauptstrecken der elektrische Betrieb genutzt werden, um Kosten und Emissionen zu senken. Diese Durchgängigkeit vereinfacht die Planung erheblich. Umläufe können effizienter gestaltet werden, Schnittstellen entfallen und Stillstandzeiten werden reduziert. Gerade im kombinierten Verkehr, in dem Züge häufig zwischen elektrifizierten Korridoren und nicht elektrifizierten Endpunkten wechseln, ist dieser Ansatz besonders attraktiv.

Siemens Vectron Dual Mode Lokomotive Pantograph
Siemens Vectron Dual Mode Lokomotive Zugführerkabine

Einordnung in die aktuelle Marktentwicklung

Der Güterverkehr auf der Schiene befindet sich in einem Spannungsfeld zwischen Klimazielen, wirtschaftlichem Druck und begrenzter Infrastruktur. Während der Ausbau der Elektrifizierung nur schrittweise vorankommt, wächst der Bedarf an flexiblen Übergangslösungen. Die Dual Mode Lokomotive ist genau als solche Brückentechnologie zu verstehen. Sie ersetzt keine flächendeckende Elektrifizierung, schafft aber kurzfristig Handlungsspielräume. Betreiber können ihre Flotten schrittweise anpassen, ohne auf zukünftige Infrastrukturentscheidungen warten zu müssen. Gleichzeitig wird der Anteil des elektrischen Betriebs dort erhöht, wo es heute schon möglich ist.

Jochen Emde Siemens Interview MesseTV transport logistic Messe München

Rolle von Siemens im Lokomotivbau

Als Hersteller mit langjähriger Erfahrung im Schienenfahrzeugbau bringt Siemens das notwendige Systemverständnis für solche Konzepte mit. Die Dual Mode Lokomotive steht exemplarisch für einen Ansatz, der nicht auf maximale Komplexität, sondern auf pragmatische Integration setzt. Bestehende Technik wird weiterentwickelt, statt vollständig ersetzt. Damit folgt das Konzept einer klaren Logik: Der Markt benötigt Lösungen, die heute funktionieren und morgen weiterentwickelt werden können. Dual Mode ist kein Endpunkt, sondern ein Baustein in der Transformation des Schienengüterverkehrs.

Perspektive für Betreiber und Netzbetreiber

Für Eisenbahnverkehrsunternehmen eröffnet sich mit Dual Mode eine neue Option in der Flottenstrategie. Investitionen lassen sich besser absichern, da die Lokomotive unabhängig vom Stand der Infrastruktur einsetzbar bleibt. Netzbetreiber profitieren indirekt, weil der elektrische Betrieb dort steigt, wo er verfügbar ist, ohne zusätzliche technische Hürden zu schaffen. Insgesamt zeigt das Konzept, dass Innovation im Schienenverkehr nicht zwangsläufig radikale Brüche erfordert. Oft liegt der Fortschritt in der intelligenten Verbindung bestehender Systeme. Die Dual Mode Lokomotive ist ein Beispiel dafür, wie technische Pragmatik und wirtschaftliche Vernunft zusammengeführt werden können – mit messbarem Nutzen für den Güterverkehr.