Soziale Interaktion gehört zu den größten Herausforderungen im Pflegealltag – gerade dort, wo Zeit und Personal knapp sind. Ein Münchner Start-up verfolgt deshalb einen anderen Ansatz: Technologie soll Gespräche ermöglichen, Nähe schaffen und den Alltag beleben, ohne den Menschen zu ersetzen. Im Mittelpunkt steht ein sozialer Roboter, der zuhört, antwortet und aktiviert.
Navel Robotics ist ein junges Unternehmen aus München, das sich seit mehreren Jahren intensiv mit der Entwicklung eines sozialen Roboters beschäftigt. Das Team besteht aus sieben Personen und arbeitet seit fast sechs Jahren an einer Lösung, die speziell für den Einsatz in Pflegeeinrichtungen gedacht ist. Der Gründer kommt aus der Forschung zur Mensch-Maschine-Interaktion und verfolgt dabei einen klaren Anspruch: Nicht der Mensch soll lernen, wie Maschinen funktionieren, sondern die Maschine soll sich an die Sprache und Kommunikation der Menschen anpassen. Aus dieser Grundidee entstand ein Roboter, der nicht pflegt, nicht hebt und keine medizinischen Aufgaben übernimmt, sondern ausschließlich auf soziale Interaktion ausgelegt ist. Ziel ist es, Gespräche zu führen, Fragen zu stellen, emotionale Reaktionen hervorzurufen und damit den Alltag in Pflegeheimen spürbar zu beleben.
Der entwickelte Roboter ist darauf spezialisiert, mit Bewohnern zu sprechen, ihnen zuzuhören und aktiv den Dialog zu suchen. Er stellt Fragen, reagiert auf Antworten und kann sowohl kognitive als auch emotionale Impulse setzen. Dabei geht es weniger um Informationsvermittlung als um Aktivierung, Unterhaltung und soziale Teilhabe. Gerade in Pflegeeinrichtungen, in denen Einsamkeit ein häufiges Thema ist, kann diese Form der Interaktion eine wichtige Ergänzung sein. Der Roboter ist jederzeit einsatzbereit, wird nicht müde und bleibt auch dann geduldig, wenn sich Fragen wiederholen oder Gespräche im Kreis drehen. Eigenschaften, die im menschlichen Pflegealltag oft aus Zeitgründen an Grenzen stoßen.
Ein zentrales Motiv hinter der Entwicklung ist der zunehmende Fachkräftemangel in der Pflege. Die Lücke zwischen Bedarf und verfügbaren Pflegekräften ist längst Realität und wird sich nach Einschätzung vieler Akteure nicht kurzfristig schließen. Navel Robotics versteht seinen Roboter daher ausdrücklich als Ergänzung, nicht als Ersatz. Durch die Übernahme sozialer Aktivierungsaufgaben kann Pflegepersonal entlastet werden. Zeit, die sonst für Gespräche oder Beschäftigung fehlt, wird zumindest teilweise durch Technologie aufgefangen. Gleichzeitig soll der Roboter dazu beitragen, die Atmosphäre in den Einrichtungen zu verbessern und für mehr Lebendigkeit zu sorgen.
Seit etwa einem halben Jahr ist der Roboter im Markt und wird aktuell in rund einem Dutzend Pflegeheimen deutschlandweit getestet. Die Einsätze erfolgen im Rahmen begleiteter Pilotprojekte, bei denen gezielt beobachtet wird, wie Bewohner, Pflegekräfte und Angehörige auf die neue Technologie reagieren. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Zusammenarbeit mit der Evangelische Heimstiftung. Sie begleitet die Erprobung kritisch und liefert Rückmeldungen zu Wirkung, Akzeptanz und möglichen Nebenwirkungen im Alltag. Gerade diese enge Begleitung ist dem Entwicklerteam wichtig, um reale Erfahrungen systematisch auszuwerten.
Der Einsatz sozialer Roboter wirft zwangsläufig ethische und moralische Fragen auf. Kann Technologie menschliche Nähe ersetzen? Besteht die Gefahr, dass Roboter langfristig menschliche Beziehungen verdrängen? Diese Bedenken werden von Navel Robotics ausdrücklich ernst genommen. Der Roboter soll keine Pflegekräfte ersetzen und keine emotionale Abhängigkeit schaffen. Vielmehr wird großer Wert darauf gelegt, genau zu beobachten, welche Effekte der Einsatz im Alltag hat. Ängste, Vorbehalte und mögliche Fehlentwicklungen werden offen thematisiert und gemeinsam mit Partnern reflektiert.
Eine klare Prognose zur Rolle von Robotern in der Pflege wagt das Team bewusst nicht. Zu komplex sind die sozialen, ethischen und organisatorischen Rahmenbedingungen. Gleichzeitig besteht Einigkeit darüber, dass Technologie künftig eine größere Rolle spielen wird – nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Notwendigkeit. Wenn soziale Roboter dazu beitragen können, Arbeitsbedingungen zu verbessern, Pflegekräfte zu entlasten und Bewohnern mehr Ansprache und Abwechslung zu bieten, sehen die Entwickler darin einen sinnvollen Weg. Entscheidend bleibt dabei immer der Mensch – als Maßstab, als Begleiter und als unverzichtbarer Teil jeder Pflegeeinrichtung.