Photovoltaik wird zunehmend dort installiert, wo bislang kaum an Stromerzeugung gedacht wurde. Neben Dachanlagen gewinnen Fassaden, Parkplätze und Freiflächen an Bedeutung. Auch Zäune könnten künftig einen größeren Beitrag leisten.
Sie begrenzen Grundstücke ohnehin, stehen häufig in günstiger Ausrichtung und bieten eine bislang wenig genutzte Fläche für die Energiegewinnung. Auf der Intersolar Europe wurde mit dem System FlexAD ein Konzept vorgestellt, das Standardmodule in ein modulares Zaunsystem integriert und damit eine wirtschaftliche Nutzung bestehender Grundstücksgrenzen ermöglichen soll.
Die Harald Böhl GmbH entwickelt seit mehreren Jahrzehnten Zaunsysteme und hat ihre Erfahrung nun auf den Bereich der Photovoltaik übertragen. Das System FlexAD basiert auf einem Baukastenprinzip, bei dem handelsübliche Solarmodule mit einem 30 Millimeter starken Rahmen in Aluminiumprofile eingesetzt werden können. Dadurch bleibt die Konstruktion flexibel und lässt sich je nach Anforderung erweitern oder anpassen. Ein Vorteil des Konzepts besteht darin, dass nicht ausschließlich Photovoltaikmodule verwendet werden müssen. Das System erlaubt grundsätzlich auch andere Füllungen, wodurch sich unterschiedliche gestalterische oder funktionale Anforderungen umsetzen lassen. Für den Einsatz von Solarmodulen stehen sowohl horizontale als auch vertikale Einbaumöglichkeiten zur Verfügung. Dadurch können Grundstücksgrenzen individuell gestaltet werden, ohne auf standardisierte Formate beschränkt zu sein. Die Kombination aus bestehender Zauntechnik und handelsüblichen Solarmodulen soll den Einstieg erleichtern, weil keine speziell entwickelten Module erforderlich sind.
Im Mittelpunkt des Systems stehen bifaziale Photovoltaikmodule. Sie erzeugen Strom sowohl auf der Vorder- als auch auf der Rückseite und eignen sich deshalb besonders für senkrechte Installationen. Während klassische Dachanlagen ihren höchsten Ertrag häufig zur Mittagszeit erreichen, verteilt sich die Stromproduktion bei einem Ost-West-orientierten Solarzaun stärker auf die Morgen- und Abendstunden. Gerade diese zeitliche Verlagerung gewinnt zunehmend an Bedeutung. In vielen Regionen sinken die Erlöse für eingespeisten Solarstrom während der Mittagsstunden, weil zu dieser Zeit bereits große Mengen Photovoltaikstrom verfügbar sind. Eine stärkere Stromproduktion am Morgen und Abend kann deshalb sowohl für den Eigenverbrauch als auch für die Einspeisung wirtschaftliche Vorteile bieten. Nach Angaben des Unternehmens lassen sich mit der senkrechten Anordnung Erträge erzielen, die sich einer optimal ausgerichteten Dachanlage annähern. Gleichzeitig bleibt der Zaun als Grundstücksbegrenzung vollständig erhalten. Die wichtigsten Merkmale des Systems:
Neben dem vollständigen Solarzaun wurde eine zweite Lösung vorgestellt, die sich an bestehende Zaunanlagen richtet. Dafür wird ein spezieller Halter in herkömmliche Stabmattenzäune eingehängt und verschraubt. Das Solarmodul wird anschließend auf der Rückseite befestigt und kann ohne aufwendige Umbauten in die vorhandene Zaunanlage integriert werden. Dadurch lassen sich bereits installierte Grundstückseinfriedungen nachträglich zur Stromerzeugung nutzen. Gleichzeitig entsteht ein blickdichter Sichtschutz, weil die Module die Zaunfläche vollständig abdecken können. Nach Angaben des Unternehmens liegen die Materialkosten für die Halterung bei rund 20 Euro pro Modul. Zusammen mit aktuellen Modulpreisen ergibt sich daraus eine vergleichsweise kostengünstige Möglichkeit, zusätzliche Photovoltaikleistung aufzubauen, ohne neue Tragsysteme errichten zu müssen.
Ein wesentlicher Gedanke hinter dem Konzept ist die Nutzung bereits vorhandener Infrastruktur. Zäune müssen unabhängig von einer Photovoltaikanlage errichtet werden. Werden sie gleichzeitig zur Stromerzeugung genutzt, entstehen zusätzliche Erträge, ohne dass neue Flächen versiegelt oder eigene Unterkonstruktionen gebaut werden müssen. Für neu errichtete Zaunfelder nennt das Unternehmen Materialkosten von rund 300 Euro für das erste Feld einschließlich Solarmodul sowie deutlich geringere Kosten für weitere Felder. Unter günstigen Bedingungen könne sich ein Solarzaun innerhalb weniger Jahre amortisieren. Solche Angaben hängen jedoch stark von Strompreis, Eigenverbrauch und Standort ab. Besonders interessant erscheint das Konzept für Gewerbebetriebe, landwirtschaftliche Flächen oder Grundstücke mit langen Einfriedungen, auf denen große Zaunlängen zur Verfügung stehen.
Mit dem Ausbau erneuerbarer Energien rückt die Nutzung bislang unerschlossener Flächen zunehmend in den Fokus. Neben Dächern bieten Schallschutzwände, Fassaden und Grundstückszäune zusätzliche Potenziale, um Photovoltaik näher an den Verbrauchsort zu bringen. Gleichzeitig verändern Batteriespeicher und bidirektionales Laden die Möglichkeiten des Eigenverbrauchs. Strom aus einem Solarzaun könnte künftig nicht nur direkt im Gebäude genutzt, sondern auch in stationären Speichern oder Elektrofahrzeugen zwischengespeichert werden. Damit entwickeln sich Grundstücksgrenzen von reinen Begrenzungselementen zu Bestandteilen dezentraler Energiesysteme. Das System FlexAD zeigt, wie sich bestehende Zauntechnik mit Photovoltaik verbinden lässt und damit zusätzliche Flächen für die Stromerzeugung erschließen kann.