Brillengläser wurden über Jahrzehnte vor allem nach optischen Kriterien bewertet: Sehschärfe, Verzerrung, Übergänge. Mit einem neuen Produktportfolio verschiebt sich dieser Fokus grundlegend. Sehen wird nicht mehr ausschließlich als optischer Vorgang verstanden, sondern als kognitiver Prozess, der das Gehirn messbar belastet. Genau an diesem Punkt setzt ein neuer Ansatz an, den Zeiss Vision Care wissenschaftlich fundiert entwickelt hat.
Im Zentrum steht die Frage, wie stark unterschiedliche Seheindrücke die geistige Verarbeitung beanspruchen. Denn Sehen endet nicht auf der Netzhaut, sondern setzt sich im Gehirn fort – dort, wo Informationen interpretiert, gefiltert und verarbeitet werden. Diese Perspektive verändert die Bewertung von Brillengläsern grundlegend.
Lange war bekannt, dass unscharfes Sehen als unangenehm empfunden wird. Neu ist jedoch der wissenschaftliche Nachweis, dass Unschärfe zu einer erhöhten kognitiven Belastung führt. Das bedeutet: Das Gehirn muss zusätzliche Arbeit leisten, um unklare oder instabile Seheindrücke zu kompensieren. Diese Erkenntnis wurde nicht theoretisch hergeleitet, sondern experimentell belegt. In umfangreichen Messreihen konnte gezeigt werden, dass bestimmte Unschärfen messbare Ausschläge in der Gehirnaktivität verursachen. Entscheidend dabei ist nicht allein das Ausmaß der Unschärfe, sondern auch ihre Position im Blickfeld.
Die Grundlage für diesen Ansatz entstand im Vision Science Lab in Tübingen. Dort wurden EEG-Messungen durchgeführt, bei denen die elektrische Aktivität des Gehirns während unterschiedlicher Sehsituationen analysiert wurde. Ziel war es, die Zusammenhänge zwischen Blickbewegungen, Unschärfeverteilung und kognitiver Beanspruchung objektiv zu erfassen. Die Ergebnisse zeigten klar, dass bestimmte Unschärfeverläufe deutlich stärker belasten als andere. Besonders relevant sind dabei die häufig genutzten Blickrichtungen im Alltag. Wenn dort Unschärfen auftreten, steigt die kognitive Last messbar an. Diese Daten bilden die wissenschaftliche Basis für ein neues Designverständnis von Brillengläsern.
Aus den Forschungsergebnissen wurde ein Designansatz abgeleitet, der unter dem Begriff Neuro Optics zusammengefasst wird. Die zentrale Idee besteht darin, Unschärfen nicht pauschal zu minimieren – was physikalisch ohnehin nicht möglich ist –, sondern sie gezielt zu verteilen. Ein häufig genutztes Bild beschreibt dieses Prinzip treffend: Unschärfe lässt sich nicht entfernen, sondern nur wie Sand in einem Kasten umverteilen. Entscheidend ist, wo sie liegt und wie steil sie ansteigt. Neuro Optics nutzt dieses Prinzip, um die Hauptblickrichtungen besonders ruhig zu gestalten und weniger relevante Zonen gezielt zu entlasten.
Diese Erkenntnisse fließen in das ClearMind Produktportfolio ein, das von Zeiss Vision Care entwickelt wurde. Es umfasst sowohl Einstärken Digitalgläser als auch Gleitsichtgläser und basiert konsequent auf den neurophysiologischen Forschungsergebnissen. ClearMind Gläser berücksichtigen typische Blickbewegungen und optimieren die Glasgeometrie so, dass kognitiv belastende Unschärfen reduziert werden. Ziel ist ein ruhigerer Seheindruck, der das Gehirn weniger beansprucht – insbesondere bei längeren Sehaufgaben oder häufigen Blickwechseln.
Das ClearMind Portfolio ist nicht auf eine einzelne Zielgruppe beschränkt, sondern deckt unterschiedliche Lebens- und Sehphasen ab. Dazu gehören unter anderem:
Auffällig ist, dass die grundlegenden Erkenntnisse nicht aus automatisierten KI-Modellen stammen. Die Forschung basierte auf manuellen EEG-Messungen, klassischen Sehtests und sorgfältiger Datenauswertung. Künstliche Intelligenz kann künftig bei der Feinoptimierung unterstützen, war jedoch nicht der Ursprung des Konzepts. Gerade dieser Umstand unterstreicht den wissenschaftlichen Anspruch des Ansatzes. Es handelt sich nicht um eine rechnerische Annäherung, sondern um ein Design, das direkt aus physiologischen Messungen abgeleitet wurde.
Mit ClearMind und dem Neuro Optics Ansatz erweitert Zeiss Vision Care den Qualitätsbegriff von Brillengläsern. Scharfes Sehen allein reicht nicht mehr aus. Entscheidend wird, wie entspannt Sehen für das Gehirn ist. In einer zunehmend digitalen Arbeits- und Lebenswelt, in der visuelle Anforderungen stetig steigen, gewinnt dieser Aspekt weiter an Bedeutung. Brillengläser werden damit zu einem Werkzeug, das nicht nur optische Korrektur bietet, sondern auch zur mentalen Entlastung beiträgt.