Grüner Wasserstoff gilt als wichtiger Baustein der Energiewende. Dennoch steht die Technologie weiterhin vor einer zentralen Herausforderung: Während ihre ökologische Bedeutung weitgehend unbestritten ist, fällt die wirtschaftliche Umsetzung vieler Projekte noch schwer.
Hohe Investitionskosten, fehlende Transportinfrastruktur und unsichere Geschäftsmodelle bremsen den Markthochlauf. Gleichzeitig wächst der Bedarf an Lösungen, um große Mengen erneuerbarer Energie langfristig speichern und industriell nutzen zu können. Auf der ees Europe in München wurde deutlich, dass Wasserstoff zunehmend nicht mehr als Einzeltechnologie betrachtet wird, sondern als Bestandteil komplexer Energiesysteme, die Stromerzeugung, Industrieprozesse, Infrastruktur und Digitalisierung miteinander verbinden.
Anstatt ausschließlich einzelne Komponenten anzubieten, verfolgt Siemens einen ganzheitlichen Beratungsansatz. Ausgangspunkt sind technische Machbarkeitsstudien und Wirtschaftlichkeitsanalysen, mit denen Investitions- und Betriebskosten bewertet werden. Ziel ist es, Unternehmen bei der Planung wirtschaftlich tragfähiger Wasserstoffprojekte zu unterstützen. Ein wesentlicher Aspekt ist dabei die Betrachtung der gesamten Wertschöpfungskette – von der Energieversorgung über die Wasserstoffproduktion bis zur Speicherung und späteren Nutzung. Mithilfe digitaler Zwillinge lassen sich unterschiedliche Szenarien simulieren und Anlagen bereits vor dem Bau optimieren. Dadurch können technische Risiken reduziert und Prozesse effizienter ausgelegt werden. Gerade weil Wasserstoff bislang nicht über eine ähnlich ausgebaute Infrastruktur wie Erdöl oder Erdgas verfügt, müssen viele Projekte individuell geplant werden. Entsprechend gewinnt die Verbindung von Prozessberatung, Netzplanung und Anlagendesign zunehmend an Bedeutung.
Ein weiteres Hindernis bleibt die fehlende Transport- und Verteilinfrastruktur. Während Stromnetze, Öl- und Gasleitungen über Jahrzehnte entstanden sind, befindet sich ein Wasserstoffnetz vielerorts noch im Aufbau. Deshalb setzen zahlreiche Industrieprojekte derzeit auf wasserstoffbasierte Energieträger, die einfacher transportiert oder gelagert werden können. Dazu zählen unter anderem:
Neben der Planung kompletter Wasserstoffprojekte beschäftigt sich Siemens auch mit der Produktion der dafür benötigten Anlagen. Das Unternehmen entwickelt Fertigungslösungen für Hersteller von Elektrolyseuren und überträgt dabei Erfahrungen aus der industriellen Automatisierung, etwa aus dem Automobilbau. Damit rückt nicht nur der Betrieb einzelner Wasserstoffanlagen in den Fokus, sondern auch deren wirtschaftliche Serienfertigung. Je effizienter Elektrolyseure produziert werden können, desto stärker lassen sich langfristig die Investitionskosten senken. Gerade dieser Skalierungseffekt gilt als entscheidende Voraussetzung dafür, dass grüner Wasserstoff künftig wettbewerbsfähiger wird. Parallel dazu werden Konzepte entwickelt, bei denen Stromnetz, Produktionsprozesse und Anlagensteuerung bereits in der Planungsphase aufeinander abgestimmt werden. Die Digitalisierung übernimmt dabei eine Schlüsselrolle, weil sie komplexe Industrieanlagen transparent macht und Optimierungspotenziale frühzeitig sichtbar werden.
Während Batteriespeicher heute vor allem für kurzfristige Anwendungen genutzt werden, etwa zur Eigenverbrauchsoptimierung von Photovoltaikanlagen oder zum Ausgleich täglicher Lastschwankungen, verfolgt Wasserstoff einen anderen Ansatz. Batterien eignen sich besonders für Speicherzeiten von Stunden oder wenigen Tagen. Soll jedoch überschüssiger Solar- oder Windstrom aus dem Sommer bis in die Wintermonate verfügbar bleiben, stoßen elektrochemische Speicher an wirtschaftliche und technische Grenzen. Genau hier kann Wasserstoff eine Ergänzung darstellen. Überschüssige erneuerbare Energie wird genutzt, um Wasserstoff zu erzeugen. Dieser lässt sich über längere Zeit speichern und später wieder zur Stromerzeugung oder direkt in industriellen Prozessen einsetzen. Trotz geringerer Wirkungsgrade gegenüber Batteriespeichern kann dieses Konzept sinnvoll sein, wenn ansonsten große Mengen erneuerbarer Energie ungenutzt blieben.
Die Branche befindet sich derzeit in einer Konsolidierungsphase. Zahlreiche junge Unternehmen sind in den vergangenen Jahren entstanden, viele Projekte wurden jedoch aufgrund schwieriger Marktbedingungen wieder eingestellt oder verschoben. Gleichzeitig wächst die Erkenntnis, dass der Aufbau einer neuen Energieinfrastruktur Zeit benötigt. Vergleiche mit der frühen Entwicklung des Internets verdeutlichen diese Dynamik: Viele Unternehmen betreten den Markt, doch nur ein Teil wird sich langfristig etablieren. Entscheidend werden tragfähige Geschäftsmodelle, skalierbare Technologien und der Ausbau der Infrastruktur sein. Der Aufbau von Wasserstoffnetzen, Speichern und industriellen Anwendungen dürfte deshalb eher einem Marathon als einem Sprint gleichen. Gleichzeitig wächst mit jeder zusätzlichen Photovoltaik- und Windkraftanlage der Bedarf, erneuerbare Energie nicht nur kurzfristig, sondern auch saisonal verfügbar zu machen. Wasserstoff könnte dabei künftig eine wichtige Rolle übernehmen – nicht als Ersatz für Batteriespeicher, sondern als ergänzender Baustein eines zunehmend vernetzten Energiesystems.