Kollisionswarnsysteme für mehr Sicherheit im Bahnverkehr

von Andreas Bergmeier - 2024-02-14

Der Bahnverkehr gehört zu den am stärksten regulierten Verkehrssystemen überhaupt. Trotzdem zeigen schwere Zugunglücke immer wieder, dass selbst moderne Sicherungstechnik nicht jede Fehlersituation vollständig ausschließen kann.

Auf der InnoTrans in Berlin präsentiert Intelligence on Wheels deshalb ein System, das als zusätzliche Sicherheitsebene funktioniert und unabhängig von bestehender Infrastruktur arbeitet. Im Mittelpunkt steht ein autonomes Kollisionswarnsystem für Züge. Die Technologie soll Lokführer vor anderen Fahrzeugen warnen, die sich auf derselben Strecke befinden oder sich gefährlich annähern. Entwickelt wurde das System insbesondere für Situationen, in denen bestehende Sicherungssysteme versagen oder menschliche Fehler nicht mehr rechtzeitig abgefangen werden können. Dabei verfolgt das Unternehmen einen Ansatz, der sich deutlich von klassischen Leit- und Sicherungssystemen unterscheidet. Statt die Intelligenz zentral in Infrastruktur oder Stellwerken zu bündeln, verlagert Intelligence on Wheels die Entscheidungslogik direkt in das Fahrzeug.

MesseTV Interview Dr Thomas Strang Intelligence on Wheels
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Intelligence on Wheels entwickelt autonomes Warnsystem

Das vorgestellte System arbeitet vollständig autonom und benötigt keine zusätzliche Streckeninfrastruktur. Die Technik wird direkt in den Zug integriert und kommuniziert per Funk mit anderen ausgerüsteten Fahrzeugen in der Umgebung. Jeder Zug sendet dabei kontinuierlich Informationen über Position, Geschwindigkeit und Fahrtrichtung aus. Andere Fahrzeuge empfangen diese Daten unmittelbar und berechnen selbstständig, ob ein potenzielles Kollisionsrisiko besteht.

Portable Sicherungstechnik für Züge Intelligence on Wheels
Integrierbare Sicherheitsloesungen Intelligence on Wheels

Besonders auffällig ist dabei die Unabhängigkeit von klassischen Kommunikationsnetzen. Weder GSM-R noch andere Hintergrundsysteme sind erforderlich. Die Kommunikation erfolgt ausschließlich über Radiofrequenzen zwischen den Fahrzeugen selbst. Genau darin sieht das Unternehmen den zentralen Vorteil des Systems. Es entsteht eine zusätzliche Sicherheitsebene, die unabhängig von bestehender Infrastruktur funktioniert und deshalb auch dann aktiv bleibt, wenn andere Systeme ausfallen oder fehlerhafte Informationen liefern. Der Ansatz erinnert in Teilen an dezentrale Sicherheitskonzepte aus der Luftfahrt oder dem autonomen Straßenverkehr. Entscheidungen entstehen nicht ausschließlich in einer Leitstelle, sondern direkt dort, wo die Gefahr entsteht – im Fahrzeug selbst.

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Handyapp für Baustellenarbeiter im Schienenverkehr Intelligence on Wheels

Virtuelle Infrastruktur ersetzt zentrale Netzwerke

Das System funktioniert im Prinzip wie eine virtuelle Infrastruktur. Sobald ein Zug mit der Technologie ausgestattet ist, wird er Teil des Sicherheitsnetzes und tauscht Informationen direkt mit anderen Fahrzeugen aus. Dadurch ergeben sich auch Vorteile bei internationalen oder gemischten Netzen. Gastfahrzeuge können beispielsweise über portable Versionen des Systems eingebunden werden, ohne umfangreiche technische Nachrüstung oder Anpassungen an der Infrastruktur vorzunehmen. Die portable Variante besitzt zwar geringere Leistungsdaten als fest eingebaute Systeme, erweitert den Einsatzbereich aber erheblich. Gerade bei temporären Einsätzen oder grenzüberschreitendem Verkehr könnte dieser Ansatz interessant werden. Wichtige Eigenschaften des Systems:

  • autonome Kommunikation zwischen Zügen
  • keine Abhängigkeit von GSM-R oder zentralen Netzwerken
  • zusätzliche Sicherheitsebene unabhängig von bestehender Technik
  • portable Varianten für Gastfahrzeuge
  • direkte Warnung bei potenziellen Kollisionsrisiken
Damit positioniert sich die Lösung nicht als Ersatz bestehender Sicherungstechnik, sondern ausdrücklich als zusätzliches Sicherheitsnetz. Genau dieser Punkt wird im Gespräch mehrfach betont.

Kollisions Warnsystem für Züge Intelligence on Wheels

Safety Overlay statt Konkurrenz zu bestehenden Systemen

Interessant ist vor allem die Argumentation des Unternehmens zur Frage nach Konkurrenzsystemen. Intelligence on Wheels versteht seine Technologie nicht als Alternative zu vorhandenen Sicherungs- oder Leitsystemen, sondern als sogenanntes „Safety Overlay“. Gemeint ist damit eine zusätzliche Schutzebene, die unabhängig von anderen Systemen arbeitet und deren Schwachstellen absichern soll. Der Gedanke dahinter: Kein technisches System ist vollkommen fehlerfrei. Deshalb steigt die Sicherheit insbesondere dann, wenn voneinander unabhängige Technologien parallel arbeiten. Dieses Prinzip spielt im Bahnbereich eine große Rolle. Moderne Sicherungssysteme erreichen zwar ein sehr hohes Sicherheitsniveau, sind aber häufig eng mit zentraler Infrastruktur und komplexen Netzwerken verbunden. Fällt ein Teil dieser Struktur aus oder entstehen Fehlkonfigurationen, können kritische Situationen entstehen. Ein autonom arbeitendes Zusatzsystem könnte solche Szenarien frühzeitig erkennen und Fahrer warnen, bevor ein Unfall entsteht. Genau für diese Fälle wurde die Technologie laut Unternehmen entwickelt.

Smartphone-App soll Streckenarbeiter schützen

Neben der Zug-zu-Zug-Kommunikation zeigt Intelligence on Wheels auf der InnoTrans auch eine neue Smartphone-Anwendung für Streckenarbeiter. Ziel ist es, Personen im Gleisbereich frühzeitig vor herannahenden Fahrzeugen zu warnen. Die App nutzt dabei dieselbe Grundidee wie das Kollisionswarnsystem für Züge. Erkennt das System einen Zug, der sich auf die Position des Arbeiters zubewegt und ein Risiko darstellen könnte, erfolgt automatisch eine Warnung über das Smartphone. Bemerkenswert ist dabei die Gestaltung der Bedienung. Statt komplizierter Menüs oder kleiner Bedienelemente setzt die Anwendung auf stark vereinfachte Interaktionen. Bereits ein Klopfen auf den Arm soll ausreichen, um bestimmte Funktionen auszulösen. Gerade im Arbeitsalltag an Bahnstrecken könnte dieser Ansatz entscheidend sein. Streckenarbeiter arbeiten häufig unter hoher Konzentration, mit Handschuhen oder in lauten Umgebungen. Klassische Smartphone-Bedienung stößt dort schnell an Grenzen.

Sicherungstechnik für Züge Intelligence on Wheels
MesseTV Beitrag Intelligence on Wheels

Dezentrale Sicherheitssysteme gewinnen an Bedeutung

Die Präsentation auf der InnoTrans zeigt zugleich einen größeren Trend im Bahnsektor. Sicherheitsfunktionen wandern zunehmend aus zentralen Leitstellen direkt in Fahrzeuge, mobile Geräte und dezentrale Systeme. Mit steigender Digitalisierung wächst auch die Komplexität moderner Bahnnetze. Gleichzeitig entstehen neue Anforderungen durch internationale Verkehre, gemischte Fahrzeugflotten und temporäre Infrastrukturprojekte. Autonome Warnsysteme könnten deshalb künftig eine deutlich größere Rolle spielen – insbesondere als unabhängige Ergänzung zu bestehenden Sicherungstechnologien. Der Ansatz von Intelligence on Wheels verdeutlicht dabei, wie stark sich Sicherheitskonzepte im Bahnverkehr derzeit verändern: weg von rein zentralen Strukturen, hin zu intelligenten, miteinander kommunizierenden Fahrzeugen und mobilen Systemen.